Krankheit ohne Namen

Was unterscheidet homöopathische Diagnostik von schulmedizinischer? / von HP Patricia Wolf
Wie oft höre ich, wenn ich nach zweistündiger Anamnese einen Besprechungstermin mit meinen Patienten ausmache: „Und wenn ich dann wieder komme, wenn Sie sich alles von mir angeschaut haben – dann können Sie mir doch sagen, was ich habe, unter was für einer Krankheit ich leide!“
Tja, wenn das als Homöopath so einfach wäre…!
Als Schulmediziner würde ich
sagen: „Sie leiden unter einer
Gastritis“ oder „Sie haben ein
allergisches Ekzem“ oder,
oder, oder… Aber genau
das ist es ja, was Sie von
einem Homöopathen nicht
hören wollen und werden.
Meistens wissen Sie das ja
auch selbst schon.
Einen klassisch arbeitenden
Homöopathen werden zum
Teil ganz andere Symptome
interessieren als einen
normalen Schulmediziner
bzw. Heilpraktiker. Sicherlich
interessiert ihn auch die schul-
medizinische Diagnose, aber
er wird bei der Fallaufnahme
noch viele Dinge mehr
fragen, die scheinbar mit
dem Leiden, wegen dem Sie
gekommen sind, nichts zu tun haben.
Angenommen Sie kommen mit einer chronischen
Gastritis (= Magenschleimhautentzündung) in eine klassisch homöopathische Praxis, so werden Sie sicherlich nach ihren Magensymptomen befragt (wann sie auftreten, wo es weh tut usw.). Aber zusätzlich wird auch anderes aufgenommen, z.B. wie steht es mit Ihrem Schlaf, leiden Sie unter Gelenkschmerzen, wie geht es dem Blutdruck usw. Ihr ganzer Körper wird von Kopf bis Fuß darauf analysiert, wo überall Beschwerden bestehen, nicht nur den Magen betreffend. Zusätzlich erfragt ein miasmatisch arbeitender Homöopath die Krankheiten, die in Ihrer Familie vorkommen, und bespricht Ihre gesamte Krankenbiographie von der Zeugung bis heute mit Ihnen.
Denn all diese Informationen zusammen bilden Ihre Krankheit und nicht nur der im obigen Beispiel erkrankte Magen. Dieser ist nur ein Teil des gesamten Krankheitsbildes.

Bei einem zweiten Patienten, der ebenfalls wegen einer Magenschleimhautentzündung in die Praxis kommt, kann ein völlig anderer Hintergrund, eine andere Familien-Krankheitsgeschichte und eine andere Krankenbiographie vorliegen.
Wie soll man also beiden Patienten den gleichen Namen für eine völlig unterschiedliche Krankheitssituation geben? Zwar haben beide die gleiche Hauptbeschwerde – die Magenschleimhautentzündung –, aber die Grundkrankheit, die Grundursache und die weiteren Beschwerden sind völlig verschieden.
Der Homöopath kann nach aufgenommener Anamnese beispielsweise nur sagen: Patient 1 leidet unter einer sykotischen Belastung und Patient 2 unter einer pseudopsorischen. Dies ist auch der Grund, warum diese beiden Menschen mit großer Wahrscheinlichkeit unterschiedliche homöopathische Arzneien für die scheinbar gleiche Beschwerde erhalten werden.

Das heißt nicht, dass die schulmedizinische Diagnose unwichtig ist. Sie ist sehr wichtig für die Verschreibung des richtigen homöopathischen Mittels. Beispielsweise können eine Magenschleimhautentzündung und ein Magengeschwür sehr ähnliche Symptome erzeugen. Jedoch können ganz unterschiedliche Arzneien in Frage kommen. Nicht jedes Mittel was in der Lage ist, eine Gastritis zu heilen, hat auch die Kraft, es mit einem Magengeschwür aufzunehmen. Daher muss man wissen, was man behandeln will.

Aber die Diagnose ist eben nicht alles. Die klassische Homöopathie behandelt nicht nur die Krankheit (hier im Beispiel die Gastritis) sondern den ganzen Menschen – und dazu gehören eben noch viel mehr Symptome und Zeichen dazu.

Dies ist der Grund, warum die Homöopathie der Krankheit keinen Namen geben kann. Jeder Patient müsste sonst seinen eigenen individuellen Krankheitsnamen für seine Beschwerden erhalten.