Was kann man als Patient schon erwarten?

Gut Ding will Weile haben - und intensive Kommunikation / von Dr. med. Sybille Freund

„Natürlich, dass man wieder gesund wird!“ werden Sie sagen. Einverstanden – aber wie sieht das während der Therapie aus? Nehmen wir doch mal ein Beispiel: Unser Patient Herr Mustermann möchte eigentlich nur, dass seine Kopfschmerzen verschwinden. Dass er dafür seine Symptome beschreiben soll, kennt er aus der Schulmedizin. Dass er aber auch über andere Beschwerden, seine ganze Lebensgeschichte, möglichst mit Daten und noch dazu über Krankheiten und Fehlbildungen seiner Vorfahren berichten soll, findet Herr Mustermann etwas seltsam. Der Homöopath versucht, ihm zu erklären, dass es Gründe für seine Kopfschmerzen gibt und dass diese anhand der Anamnese gefunden werden sollten. Also gut, Herr Mustermann kommt zum Gespräch, lässt sich auch geduldig untersuchen – obwohl er vielleicht findet, dass seine Haut ja nun nichts mit seinem Kopfschmerz zu tun hat (aber er nimmt es mal so hin). Der Homöopath nimmt jedes Detail auf, das bei der Ausarbeitung wichtig sein könnte – wie ein Detektiv.
Dann verabschiedet sich der Homöopath von Herrn Mustermann und macht sich an die Ausarbeitung: Herr Mustermann arbeitet viel, hat Stress und auch Sorgen. Liegt hier die Ursache für seine Kopfschmerzen? Er hatte auch mal einen Unfall mit Gehirnerschütterung, zu der Zeit könnten die Kopfschmerzen angefangen haben. Dann war da noch die Tetanusimpfung wegen des Unfalls – vielleicht hat sie seine Kopfschmerzen ausgelöst? Außerdem hatte er mal eine Zecke. Hat er vielleicht eine Borreliose? Er hat viele Antibiotika genommen, viel getrunken, geraucht, die Leber ist bestimmt belastet. Ist das die Ursache? Seine Mutter hatte Malaria. Die Kopfschmerzen treten alle 3 Wochen auf. Besteht hier ein Zusammenhang? Herr Mustermann hatte Pfeiffer´sches Drüsenfieber und ein Vorfahre hatte Lungenkrebs. Gibt es Zusammenhänge?
Solche Überlegungen stellt der Homöopath an. Dann arbeitet er aus, welche Symptome des Patienten zu welcher homöopathischen Arznei passen. Immerhin findet man allein in der Rubrik „Kopfschmerz“ an die 260 Mittel und das sind nicht alle, die für Herrn Mustermann in Frage kommen.
Der Homöopath entscheidet nun aufgrund einer Arbeitshypothese wie den oben genannten und aufgrund der Symptome darüber, mit welcher Arznei er die Therapie beginnen möchte. Häufig macht er sich auch einen Plan, wie er in welchem Fall weiterbehandeln wird.
Nun kommt Herr Mustermann nach ein paar Wochen wieder und sagt vielleicht: „Es hat sich nichts verändert.“ Selbst die Durchsicht seiner Symptome zeigt keine Änderung. Nun überlegt der Homöopath, welche seiner anderen Arbeitshypothesen weiterhelfen könnte. So muss er sich durch die ganzen Informationen und durch die Komplexität des Patienten hindurcharbeiten. Das kann, wenn beide Pech haben, länger dauern.
Zu einem großen Teil hängt die Zeit, die es braucht, von der Kommunikation zwischen Therapeut und Patient ab. Der Patient sollte die Fragen ernst nehmen und möglichst viele Daten liefern können. Der Therapeut sollte aufgeschlossen und aufmerksam sein. Was beide, Herr Mustermann und der Therapeut, in einem Fall brauchen, in dem es nur schleppend vorwärts geht, ist auf jeden Fall Geduld. Manchmal muss man einen Sachverhalt drehen und wenden und durchkauen, bis man zu des Rätsels Lösung kommt.
Andererseits kann aber auch schon das erste Mittel deutliche Besserung der Beschwerden bringen, wenn der Therapeut sofort "den Nagel auf den Kopf trifft.“ Dann ist der Patient vielleicht glücklich. Unter Umständen hat er nun aber auch Beschwerden, die vor Jahren schon da waren, was ihn eher unglücklich macht. Wenn man allerdings weiß, dass dies ein natürlicher Heilungsvorgang ist (siehe Newsletter 7, „Heilungsprozesse“), sieht man diese Beschwerden in einem ganz anderen Licht und versteht, weshalb sich der Therapeut freut.
Eine homöopathische Therapie passt also eigentlich nicht so gut in unser digitales Zeitalter. Homöopathie ist keine Frage von 0 oder 1, An oder Aus, Ja oder Nein, sondern eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Aber eben auch eine, die beeindruckerende Erfolge bringen kann!