Relativ gesund

Wie gesund kann man sein? / von Dr. med. Sybille Freund
Hin und wieder halte ich Seminare für Laien. Bei diesen Seminaren geht es am ersten Abend um Homöopathie im Allgemeinen, am zweiten Abend um Miasmatik und am dritten Abend sprechen wir darüber, inwiefern man sich selbst behandeln kann und wo die Grenzen der Selbstbehandlung sind. Der Vortrag ist natürlich immer ähnlich und man kennt irgendwann die Fragen, die einem gestellt werden.
Gerade erst letzte Woche fand der zweite Abend einer solchen Seminarreihe statt. Ich erklärte, dass es erworbene und ererbte Miasmen gibt. Dabei erzählte ich von einem Baby, dessen Eltern bei uns zum Abendessen eingeladen waren. Als das Baby gewickelt wurde, sah ich, dass es einen blau-roten blutigen Po hatte. Die Eltern hatten schon ganz viel probiert, u.a. Zinksalbe (die wir Homöopathen nicht so gerne mögen, im nächsten Newsletter erklären wir, weshalb) und anderes. Im Verlauf des Abends fragte ich die Eltern, ob das Kind schon mal eine Bindehautentzündung hatte (ja, hatte es) und Blähungskoliken (oh ja!), andere Entzündungen? (ja, am Penis). In diesem Fall schien es mir immer deutlicher zu werden, dass die Eltern eine Infektionskrankheit gehabt haben müssen, die sich störend auf die Regulationsmechanismen des Babys ausgewirkt hat. Ich nahm an, dass es sich um eine „Sykose“ handeln müsse, eine Geschlechtskrankheit, die ihre Spuren im Erbgut hinterlassen hat. Ja, das klingt nach einer gewagten These. Dennoch wagte ich es, die Eltern ganz direkt zu fragen, ob es denn schon mal eine Geschlechtskrankheit bei ihnen gab. Sie sahen sich erstaunt an und ich fürchtete, sie wollten den Abend frühzeitig beenden. Dann blickten sie mich an und sagten: „Klar! Wir hatten zusammen einen Tripper!“ Ich war sehr erstaunt über die Offenheit und muss an dieser Stelle sagen, dass lange nicht alle Fälle so klar sind. Auch sollen Sie als Leser jetzt keine falschen Rückschlüsse ziehen. Die Miasmatik ist sehr kompliziert und auch wenn sie einen ähnlichen Fall kennen, heißt dass nicht gleich, dass eine Geschlechtskrankheit vorgelegen haben muss. Wie auch immer, das Baby wurde mit einer passenden homöopathischen Arznei behandelt und es ging ihm nach einer Woche so gut wie nie zuvor. Im Seminar sagte ich: „das Kind wurde mit der Arznei XXX geheilt.“
Kurz darauf stellte eine Teilnehmerin eine überraschend gute Frage. Sie fragte, inwiefern denn das Baby geheilt sei. Wenn doch die Geschlechtskrankheit in der Vererbung ihre Spuren hinterlassen hat, kann dann das Baby nicht wieder Probleme bekommen?
Und genau! Diese Frage ist so wichtig! Die ererbte Sykose kann immer nur in Latenz gebracht werden. Sie kann nicht eliminiert werden. Deshalb müssen wir, die wir alle irgendwelche ererbten Miasmen mit uns herumtragen, danach streben, sie in der Latenz zu halten und nicht zu aktivieren. Das bedeutet, wir müssen auf unseren Lebenswandel achten, sollten auf unnötige Medikamente oder Giftstoffe verzichten, uns möglichst gesund ernähren, keine unnötigen Eingriffe wagen, wie etwa Schönheitsoperationen etc. Manchmal kann ein Miasma aktiv werden, ohne dass man Einfluss nehmen kann. Auch dieses Baby kann irgendwann wieder Probleme haben, die mit einem Antisykotikum (einer Arznei, die gegen die ererbte Sykose gegeben wird) behandelt werden muss. Dann braucht es wieder homöopathische Hilfe.
Nach diesem Text kann man sich fragen: „Ist man denn jemals gesund?“
Ich denke, absolute Gesundheit gibt es nicht. Absolut gesunde Menschen wären unsterblich. Man sollte vielleicht nicht zu anspruchsvoll sein und sich über relative Gesundheit freuen. Jeder von uns hat sein „genetisches Krankheitspäckchen“ dabei, jeder hat psychisch belastende Einflüsse, manch einer mag unter Mobbing oder Existenzängsten leiden, wir alle werden durch schädliche Umweltfaktoren beeinflusst. Letzten Endes kommt es darauf an, Körper und Seele derart zu stabilisieren, dass sie mit äußeren Einflüssen zurecht kommen, ohne sofort aus dem Gleichgewicht geworfen zu werden. Heilung bedeutet dann, dass man zurück findet in den Balancezustand der relativen Gesundheit.