Glaubenssache?

Über Religion und Homöopathie / von Dr. med. Sybille Freund
Endlich kommt dieses Thema an die Reihe! Die Gewinnerin einer unserer Buchverlosungen hatte es angeregt, aber bisher hatten wir noch keinen Bezug dazu. Bis mir vor kurzem bei den Recherchen zu Paracelsus die Homepage eines Arztes unter die Finger kam, auf der er Hahnemann unverblümt der Ketzerei beschuldigt. Leider gibt es immer mal wieder Menschen, die Hahnemann und die Homöopathie vollkommen falsch verstehen – wahrscheinlich weil sie sich nur oberflächlich eingelesen haben. Wenn man nämlich das Organon liest, spricht Hahnemann immer wieder von „geistartig“ und „dynamisieren“.
Das Dynamisieren, d.h. Arzneien durch Schüttelungen und Verdünnungen wirkungsvoller und weniger giftig zu machen, wird z.B. auf besagter Homepage als okkulte Handlung verstanden. Zu Hahnemanns Zeit war es gut möglich, dass seine Zeitgenossen ängstlich auf diese Handlungen reagierten, denn in der Tat mutet diese Herstellungsweise ob Ihrer mangelnden Nachvollziehbarkeit seltsam an. Wenn wir uns aber gedanklich auf einen Kindergeburtstag begeben, auf dem Luftballons an die Decke „gehängt“ werden, indem man sie am Pullover reibt und so statisch auflädt, hat dies nichts Okkultes an sich, obwohl es ein ganz ähnlicher Vorgang ist. Hätte es zu Hahnemanns Zeiten schon Luftballons gegeben, hätten die Menschen allerdings wohl auch geglaubt, es gehe mit dem Teufel zu,
wenn diese plötzlich an der Decke hängen. Wenn Hahnemann von geistartiger Wirkung spricht, meint er damit eigentlich, dass er nicht weiß, was wirkt.
Er beobachtet schlicht eine Wirkung und beschreibt sie. In dieser Hinsicht war er aufklärerisch tätig – etwa vergleichbar mit Galileo Galilei, der der Kirche auch nicht sofort klar machen konnte, dass die Erde kein Fixstern ist, um den sich die Sonne drehe.
Hahnemann hat etwa beobachtet, dass es Unterschiede zwischen lebenden und toten Menschen gibt. Was dem toten Menschen fehlt, nannte er Lebenskraft. Diese Lebenskraft wirkt geistartig – sie ist keine Materie. Hahnemann beschreibt sie genauer – wie sie reagiert, was sie schwächt, etc.–, aber er kann nicht sagen, dass sie einen Sitz hat oder eine Größe oder Konsistenz. Deshalb beschreibt er ihre Wirkung als geistartig. Ebenso nennt er die Wirkung der homöopathischen Arzneien geistartig, weil sie auf die Lebenskraft wirken. Homöopathische Arzneien nähen keine Wunde und renken keine Glieder ein, aber sie können die Lebenskraft anregen, dies zu tun.
Der Begriff „geistartig“ hat also im Hahnemann‘schen Sinne weder etwas mit Geistern noch mit „geistig“ im gedanklichen Zusammenhang zu tun, sondern beschreibt schlicht, dass etwas nicht materiell ist.
Homöopathen wird manchmal auch vorgeworfen, sie würden sich mit „dem Bösen“ einlassen, weil sie sich mit Giften beschäftigen und sie als Arzneien geben. Genau dies taten die „klassischen“ Ärzte zu Hahnemanns Zeiten. Sie gaben ihren Patienten ganze Cocktails aus verschiedenen Giften, weil die Apotheker durch lange Rezepturen mehr Geld verdienen konnten. Hahnemann hielt das für unverantwortlich. Er wollte die Arzneien, die er seinen Patienten gab, kennen und wissen, wie jede einzelne wirkt. Also nahm er die Substanzen ein und beobachtete, was geschah. Durch diese Prüfungen, an denen auch seine Schüler teilnahmen, erstellte Hahnemann seine eigene Arzneimittellehre (siehe Text Arzneimittelprüfung). Dann reduzierte er die Dosis, weil er die Gifte für zu giftig hielt und beobachtete, dass sie durch die Dynamisierung stärker wirkten und weniger Nebenwirkungen hatten. Er konnte danach Einzelmittel in geringen Dosen verordnen, von denen er wusste, wie sie wirken. Natürlich machte er sich dadurch – gerade bei den Apothekern seiner Zeit – keine Freunde.
Wenn man sich eingehend mit Hahnemanns Schriften befasst, wird man feststellen, dass er ein Aufklärer war. Er beobachtete und beschrieb. Er dachte wissenschaftlich und fand eine Heilmethode, die definitiv nichts mit Magie zu tun hat.