Vorsicht: wir haben Scharlach

Was tun, wenn die Scharlach-Angst umgeht? / von Dr. med. Sybille Freund
Solche oder ähnliche Schilder findet man immer wieder in Kindergärten oder anderen Einrichtungen, in denen Kinder betreut werden. Die Angst vor Scharlach ist groß. Eltern kommen verunsichert in meine Praxis und wünschen einen Abstrich auf Streptokokken, weil es ihrem Kind im Hals gekratzt hat und man die Bakterien ja nicht sehen kann. Die Kinder, bei denen heute die Diagnose „Scharlach“ gestellt wird, sind häufig gar nicht richtig krank. Sie haben vielleicht Halsschmerzen, dicke Lymphknoten und sind etwas fiebrig. Bösartiger Scharlach ist aber eine ernstzunehmende Erkrankung, die wir in ihrer Ernsthaftigkeit fast nie mehr zu Gesicht bekommen. Obwohl die Krankheit heute also relativ harmlos und gut behandelbar ist, haben viele Eltern sehr viel Angst.
Woher kommt diese Angst?
Vielen von uns ist gar nicht bekannt, dass Scharlach noch vor etwa 100 Jahren eine dramatische Kinderkrankheit war. Im „Ratgeber in gesunden und kranken Tagen“ um 1900 geschrieben von Dr. F. König steht z.B. folgender Satz: „Gegenüber dem heimtückischen Scharlach stellen die Masern eine viel gutartigere Kinderkrankheit dar.“
Hahnemann beschreibt 1801 im Artikel „Heilung und Verhütung des Scharlach-Fiebers“ ein erkranktes Kind folgendermaßen: „....ward ihre Tochter nach einigen Tagen Abends mit starkem Drücken im Unterleibe, mit beißendem Jucken am Leibe und am Kopf, mit Frost am Kopfe und an den Armen, und mit lähmiger Steifigkeit der Gelenke befallen. Sie schlief die Nacht sehr unruhig mit fürchterlichen Träumen und Schweiß über den Leib, den Kopf ausgenommen. Ich fand sie früh mit drückendem Kopfschmerze, Dunkelheit vor den Augen, schleimiger Zunge, einigem Speichelflusse, hart geschwollenen, bey der Berührung schmerzenden Unterkieferdrüsen, stechenden Schmerzen im Halse beym Niederschlingen und auch außerdem. Sie war ganz ohne Durst, hatte einen geschwinden kleinen Puls, kurzen ängstlichen Athem, war zwar sehr blaß, aber schon etwas heiß anzufühlen und klagte gleichwohl über Frost im Gesichte und am Haarkopfe; sie saß etwas vorwärts gekrümmt, die Stiche im Unterleibe zu vermeiden, die sie beym Ausstrecken und Zurückbeugen des Rumpfes am empfindlichsten fühlte....Ihr Blick war matt und doch stier, mit übermäßig geöffneten Augenliedern, ihr Gesicht blaß und eingefallen“
Hier beschreibt er den Beginn der Erkrankung und man hat doch schon den Eindruck eines richtig kranken Kindes. An anderer Stelle beschreibt er den „malignen“, den bösartigen Scharlach (Text gekrürzt):
„...drückender Kopfschmerz, Druck in der Gegend des Magens, sehr unvermuthet hervorstürzendes, gewaltsames Erbrechen, Mattigkeit und Angst, Zittern...immer mit einem beißenden juckenden Brennen, je höher die Röthe, desto heftiger das Fieber, das Schlingen wird in den schlimmsten Fällen fast unmöglich. Charakteristisch sind der ziehende Rückenschmerz und das schneidende Bauchweh. Umherwerfen, Irrereden, Stöhnen, Zähneknirschen, Flockensuchen und Zuckungen mit schläfriger Betäubung bey halb geöffneten Augen und zurückgelehntem Kopf; indeß der wenig gefärbte Harn und der Stuhlgang unwillkürlich abgeht. Nach dem vierten bis siebenten Tage, wenn der Tod nicht erfolgt, erhebt sich die Haut in kleine, dichte, frieselähnliche Bläschen.“
Hier sieht man wie schwer krank ein Kind mit echtem Scharlach werden kann. Diese Ausprägung findet man aber in unseren westlichen Breiten nicht mehr – aufgrund unserer hygienischen Bedingungen und wahrscheinlich auch aufgrund der Möglichkeit der Antibiotikatherapie, die in manchen Fällen sicher ihre Berechtigung hat.
Die Angst vor Scharlach ist allerdings trotzdem immens hoch. Ich denke, da addiert sich die „eingebrannte“ Angst unserer Vorfahren mit unserer „moderenen“ Angst vor dem Unsichtbaren (Radioaktivität, Elektrosmog, Viren,....). Denn auch die Folgeschäden wie Nieren- und Herzerkrankungen sind definitiv nicht die Regel. Es sind seltene Komplikationen.
Wenn Sie also ein Kind haben, das in einer „öffentlichen Einrichtung“ betreut wird, sehen Sie das Thema Scharlach ruhig etwas entspannter. Man kann Scharlach homöopathisch behandeln, im Zweifelsfall kann man auch ein Antibiotikum geben und gegebenenfalls homöopathisch nachbehandeln. Angst braucht man aber nicht zu haben.