Die Arzneimittelprüfung am Gesunden

Wie Hahnemann die Wirksamkeit der Homöopathie entdeckte / von HP Patricia Wolf
Zu Zeiten Hahnemanns (des Entdeckers der Homöopathie; 1755-1843) arbeitete die Medizin mit sehr großen Arzneimittelgaben, die ohne durchgreifende Logik angewandt wurden und erhebliche Nebenwirkungen hatten.
Hahnemann war nach seinem Medizin-studium für einige Zeit praktisch tätig, wurde aber sehr schnell unzufrieden mit den Heilmethoden seiner Zeit. Er gab seine Praxis wieder auf und widmete sich der Erforschung der Krankheiten und vor allem der Suche nach einem neuen Heilsystem. Für Hahnemann war klar, dass die zu heilende Krankheit und
die Wirkung der heilenden Arznei auf den gesunden menschlichen Organismus in einem engen Zusammenhang stehen mussten. Aus diesen Überlegungen heraus kam es 1790 zu seinem berühmten Selbstversuch. Bei diesem Selbstversuch nahm er ein Medikament ein, von dem er bereits wusste, welche Krankheit es heilen konnte: die Chinarinde, eine damals übliche Malaria-Arznei, die hierbei auch heute noch ihre Anwendung findet – im Chinin.
Er nahm diese Arznei in völlig gesundem Zustand ein und begann, sich akribisch zu beobachten. Die Symptome, die sich bei ihm zeigten, hielt er schriftlich fest.
Das Ergebnis war verblüffend: Es stellten sich bei ihm Symptome ein, wie sie bei einem an Malaria erkrankten Menschen zu finden sind! Er wiederholte den Versuch mehrmals und kam immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Chinarinde erzeugt bei einem gesunden Menschen malariaähnliche Symptome und ist gleichzeitig in der Lage Malaria zu heilen.
Daraufhin folgten Versuche mit anderen Arzneien. Er wollte herausfinden, wie sie auf den menschlichen Organismus wirken, d.h. welche Symptome sie erzeugen.
Sein nächster Schritt war, diese so geprüften Arzneien bei tatsächlich erkrankten Menschen mit ähnlicher Symptomatik anzuwenden. Und er hatte beachtlichen Erfolg mit dieser Vorgehensweise: der Anwendung der Arzneien nach dem Ähnlichkeitsprinzip. D.h. es wird zur Heilung eine Arznei gesucht, die beim Gesunden genau die Krankheit hervor rufen kann, die man beim Erkrankten heilen möchte.
So entwickelte Hahnemann ein Heilsystem, das seine Anwendung auch bei schlimmsten Epidemien der damaligen Zeit fand und seine Richtigkeit bewiesen hat (man muss beachten: wir befanden uns in der Zeit vor Einführung der Antibiotika!) mit dem Ergebnis, das im Vergleich zur damals üblichen Therapie wesentlich mehr Menschen das Leben gerettet wurde.
So heilte Hahnemann bei der Typhus-Epidemie 1813 180 von 181 Patienten; der eine, dem er nicht mehr helfen konnte, war bereits über 80 Jahre alt.

Die Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen bildet also die Grundlage der Kenntnisse über die homöopathischen Arzneien.
Die meisten homöopathischen Medikamente, die auf dem Markt erhältlich sind, wurden am gesunden Menschen geprüft, heute auch mit der sogenannten Doppel-Blindstudie.[1]
Alle Symptome, die ein gesunder Mensch bei der Einnahme einer Substanz während einer solchen Arzeimittelprüfung an sich beobachtet hat, werden gesammelt und dokumentiert, ebenso die Symptome anderer gesunder Prüflinge. Solche Prüfungen sind beliebig wiederholbar und erbringen immer wieder die gleichen Ergebnisse.
Die Gesamtheit all der aufgetretenen Symptome bei diesen Arzneimittelprüfungen stellen das Arzneimittelbild der entsprechenden Arznei dar und werden in einer sogenannten Materia medica nieder geschrieben – in einer Arzneimittellehre.
Selbstverständlich werden die Arzneien nicht so weit geprüft, bis ernste Vergiftungserscheinungen auftreten. Hierfür gibt es bereits in der Literatur zahlreiche Fälle, wo Vergiftungen bis ins Detail beschrieben worden sind. Diese Vergiftungssymptome werden dann in der Arzneimittellehren ergänzt.
Dort kann man dann nachlesen, welche Symptome eine Arznei bei einem gesunden Menschen erzeugen kann und somit auch gegen welche Leiden man sie einsetzen kann.
Eine weitere Besonderheit ist, dass keine Tiere als Versuchsobjekte für Medikamente verwendet werden, da sie nicht in der Weise auf Stoffe reagieren wie der menschliche Organismus und da sie nicht in der Lage sind, uns ihre verschiedenen Empfindungen - wie Schmerzqualitäten, Hitze- oder Kälteempfinden, psychische Verfassung, usw. - mitzuteilen.
Und was nicht zu vergessen ist: es ist in 200 Jahren Homöopathie nicht ein homöopathisches Medikament wegen schädlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen worden!

[1] Doppel-Blindstudie bedeutet, dass weder der, der die Prüfung beaufsichtigt noch der Prüfling wissen, welche Substanz geprüft wird, und dass es sich bei einem Teil der Substanzen um Placebos, d.h. um Mittel ohne Wirkung handelt.