Depression bei Hahnemann

von Dr. med. Sybille Freund
Wie meine Kollegin in Ihrem Artikel geschrieben hat, kann es nötig sein, bei psychischen Problemen psychologischen Rat zu suchen.
Sehr interessant ist, was Dr. Hahnemann dazu geschrieben hat. Seine Lehre der Homöopathie hat Hahnemann in einem Buch niedergelegt, das er das „Organon“ genannt hat. Dieses Organon gliedert sich in 291 Paragraphen. In den Paragraphen 210-230 schreibt er über die Geistes- und Gemütskrankheiten. Hahnemann hatte eine sehr differenzierte Meinung dazu, wie man mit Personen umgehen solle, die Probleme im psychischen Bereich hatten. Er war übrigens einer der ersten, die sich dagegen verwahrten, dass psychisch Kranke eingesperrt und misshandelt wurden – wie es zu seiner Zeit üblich war.
Hahnemann stellte fest, dass es zwei verschiedene Arten von Geistes- und Gemütskrankheiten gibt: endogene (von innen kommende) und exogene (von außen kommende). Er formulierte diese Umstände allerdings anders:
§ 215 „Fast alle sogenannten Geistes- und Gemüths-Krankheiten sind nichts anderes als Körper-Krankheiten, bei denen das, jeder eigenthümliche Symptom der Geistes- und Gemüths-Verstimmung, sich unter Verminderung der Körper-Symptome (schneller oder langsamer) erhöhet und sich endlich bis zur auffallendsten Einseitigkeit, fast wie ein Local-Uebel in die unsichtbar feinen Geistes- oder Gemüths-Organe versetzt.“
Ja, schwieriges Deutsch. Soll heißen, dass fast alle Geistes- und Gemütskrankheiten ursprünglich Körperkrankheiten (endogen, von innen kommend) waren, die – durch therapeutische Maßnahmen oder von selbst – von der körperlichen Ebene verschwanden und sich danach in Form von Geistes- und Gemütskrankheiten manifestierten.
Das ist sehr befremdlich für jemanden, der mit Homöopathie noch nichts zu hatte, richtig? Stimmt! Wenn man sich aber umschaut, sieht man immer wieder mal solche Zusammenhänge. Da hat nach einer Hautausschlagunterdrückung eine Angstkrankheit angefangen, da entsteht nach einem schweren Infekt eine Depression, u.s.w. Eine Patientin behandelte ihre Hämorrhoidalblutung selbst homöopathisch. Die Blutung hörte auf und sie bekam starke Unruhezustände, konnte sich nicht mehr konzentrieren. Erst als die Blutung wiederkam, ging es ihr psychisch wieder gut.
Hahnemann schreibt allerdings auch im § 225: „Es giebt dagegen wie gesagt, allerdings einige wenige Gemüths-Krankheiten, welche nicht bloß aus Körper-Krankheiten dahin ausgeartet sind, sondern auf umgekehrtem Wege, bei geringer Kränklichkeit, vom Gemüthe aus, Anfang und Fortgang nehmen, durch anhaltenden Kummer, Kränkung, Aergerniß, Beleidigungen und große, häufige Veranlassungen zu Furcht und Schreck.“
Es gibt also auch Störungen, die durch äußerliche Einflüsse entstehen (exogen).
Hahnemann schreibt, dass diese unterschiedlichen Geistes- und Gemütskrankheiten, also endogene (von innen kommende) und exogene (von außen kommende), unterschiedlich behandelt werden müssen. Da die endogenen Geistes- und Gemütskrankheiten durch ehemalige Körperkrankheiten entstanden seien, könne eine psychische Behandlung gar nichts bringen, sondern den Fall höchstens verschlimmern, weil der Patient sich immer wieder mit seiner Psyche auseinandersetzt, obwohl sein Problem eigentlich woanders sitzt. Bei den exogenen Geistes- und Gemütskrankheiten , die durch äußere Einflüsse entstehen sei allerdings eine psychische Behandlung sinnvoll, wie er in § 226 schreibt: „Bloß diese, durch die Seele zuerst angesponnenen und unterhaltenen Gemüths-Krankheiten, lassen sich, so lange sie noch neu sind und den Körper-Zustand noch nicht allzusehr zerrüttet haben, durch psychische Heilmittel... schnell in Wohlbefinden der Seele verwandeln.“
Er fügt hinzu, dass alle Geistes- und Gemütskrankheiten einen miasmatischen Hintergrund haben und entsprechend behandelt werden sollten.
Aus homöopathischer Sicht kann also die Behandlung einer Geistes- und Gemütskrankheiten mit homöopathischen Arzneien manchmal sinnvoller sein als eine psychologische Behandlung. In manchen Fällen kann auch eine Kombination sinnvoll sein.
In jedem Fall sollte aber bei schweren psychischen Beschwerden ein Fachmann konsultiert werden. Diese Erkrankungen können schwere Konsequenzen mit sich bringen und gehören deshalb in verantwortungsvolle, erfahrene Hände.

Dr. med. Sybille Freund ist Vorsitzende der DGMH.