Homöopathie in der Geriatrie

von HP Inga Maria Stalljann
Die Arbeit mit alten und sehr alten Patienten erfordert von uns Behandlern eine grundsätzlich andere Heransgehensweise als die Behandlung jüngerer Menschen. Sehr häufig begegnen wir Patienten, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Beschwerden zu äußern, geschweige denn, diese zu beschreiben. Der Lebenslauf lässt eine Vielzahl von Leiden erkennen. Oftmals nehmen die alten Menschen 15 und mehr Medikamente pro Tag. Es ist die Generation des Schweigens, die in jungen Jahren den Krieg mit allen politischen Vorläufern erlebt haben. Wir Behandler müssen diese Zeit verstehen, um bei der Aufarbeitung helfen zu können. Soll eine chronische Behandlung erfolgen, steht vor der hömöopatische Behandlung unsere Auseinandersetzung mit der Geschichte unseres Landes.

Schon vor Beginn der Anamnese ist es sinnvoll, das Behandlungsziel zu definieren. Ist das Ende des Lebens erreicht, geht es ausschließlich um die Linderung der Hauptbeschwerde, den Segen der Palliation (Schmerzlinderung).

Seit 15 Jahren arbeite ich als klassische Homöopathien in einem Alten- und Pflegeheim vor Ort mit alten, schwerkranken und sterbenden Patienten. In sehr vielen Fällen ist es möglich, eine Reduktion von Medikamenten zu erreichen. Im Gegensatz zu anderen Häusern ist die Gabe von Psychopharmaka und Neuroleptika hier nicht erforderlich oder zumindest deutlich reduziert. Alle Pflegekräfte unseres Hauses erhalten eine homöopathische Schulung. Dies ermöglicht eine qualifizierte Beobachtung unserer Bewohner rund um die Uhr. Nach Dokumentation der Modalitäten bei Auffälligkeiten wird eine homöopathische Arznei verordnet. Die Behandlungsschwerpunkte sind Verletzungen und Stürze aller Art.
Weitere Anwendungsbereiche sind
- Unruhezustände jeder Art
- überschießender Bewegungsdrang
- depressive Stimmungsbilder
- Schmerzen (Rheuma, Osteoporose, Neuralgien, Tumoren etc.)
- Ernährungs- und Stoffwechselstörungen, Appetitlosigkeit
- Verdauungsstörungen (Durchfall, Verstopfung)
- Störungen im Schlaf-Wachrhythmus
- Luftnot-, Atemnot, Verschleimung, Bronchitis, Pneumonien
- Harnwegsinfekte und Inkontinenz
- Schwindel
- Sprech- und Schluckstörungen
- Hautprobleme/Juckreiz/ Hautveränderungen
- Angstzustände
- chronische Zustandsbilder verschiedener Art

Als sehr hilfreich hat sich außerdem die homöopathische Begleitung zur Linderung der Beschwerden und Angstzustände im Sterbeprozess erwiesen.


Behandlungsbeispiele erfolgreicher homöopathischer Behandlung pflegebedürftiger Altenheimbewohner

Eine Bewohnerin beginnt, vorzugsweise vor dem Fahrstuhl, sich in Spitzenzeiten bis zu 50 mal am Tag auszuziehen und auf die Stühle zu koten. Das Pflegepersonal ist im Dauereinsatz, um dies zu verhindern. Natürlich wird eine Einweisung in das psychiatrische Krankenhaus diskutiert. Nach einer einzigen Gabe einer homöopathischen Arznei beruhigt sich die Situation, nach 2 Tagen kehrt die Bewohnerin zu ihrem normalen Verhalten zurück.

Ein männlicher Bewohner wird zum Schrecken, besonders der ganz jungen weiblichen Pflegekräfte. Verbal und auch handgreiflich zeigt er seinen sexuellen Notstand, masturbiert öffentlich in der Teeküche und will sich von männlichen Pflegepersonal nicht versorgen lassen. Auch hier hilft eine homöopathische Arznei, eine schulmedizinische Medikamentengabe kann verhindert werden, er kehrt zu seinem üblichen Humor zurück und lässt sich ohne jedwede Probleme versorgen.

Eine sehr unruhige und frierende, desorientierte Bewohnerin zeigt vermehrt Schmerzen nach dem Stuhlgang. Das Pflegepersonal entdeckt einen ca. 8 cm langen Darmvorfall, der sich nach dem Stuhlgang über Stunden langsam wieder zurückzieht. Während dieser Zeit hat die alten Dame z.T. erhebliche Schmerzen. Sie erhält über einen längeren Zeitraum eine homöopathische Arznei und der Prolaps zieht sich über die folgenden 6 Wochen komplett zurück. Nach Absetzen der Arznei erscheint er nach etlichen Monaten nochmals für kurze Zeit, um nach Wiederholung der Gabe für immer zu verschwinden.

Hilferuf der Nachtwache: eine Bewohnerin geistert nachts durch das Haus, ist durch nichts zu beruhigen, will Kontakt und nicht alleine sein. Zeitweise liegt sie mit den Füßen an der Tapete und eine unserer homöopathisch geschulten Schwestern meint, ganz deutlich Zeichen von Angst zu erkennen. Als schlimmste Zeit wird Mitternacht und 1 Uhr angegeben. Die alte Dame erhält eine homoöpathische Arznei und schon in der nächsten Nacht wird „Entwarnung“ gegeben. Die Nacht war ruhig und friedlich, wie alle folgenden.

Ein Drama: Eine Bewohnerin beginnt eine Flurnachbarin böse zu bezichtigen, ihr Wäsche gestohlen zu haben. Sie warf ihr außerdem vor, vom Heimleiter bevorzugt zu werden, sie habe genau gesehen, wie dieser der Nachbarin Blumen gebracht habe und ihr nicht. Die andere schmeichele sich bei der Heimleitung ein und habe einen Schlüssel für ihr Zimmer, in dem sie herumschnüffeln würde. Diese Bewohnerin beschäftigt uns alle mit ihren Ausbrüchen, die einen zunehmend wahnhafteren Charakter annehmen. Nach einer Gabe einer homöopathischen Arznei kehrt sie zu ihrem gewohnten Verhalten zurück, nimmt am Heimleben teil, sitzt in der Sonne und ist ruhig und friedlich. Diese Zustände wiederholen sich dann über zwei Jahre immer mal wieder in sehr großen Abständen. Eine Gabe der Arznei stellt den Frieden dann ganz schnell wieder her.

-Eine neue Bewohnerin zieht vier mal pro Nacht ihre Inkontinenzartikel aus der Hose, wirft diese dann auf den Fußboden und uriniert ins Bett, so dass jedes Mal eine komplette Neuversorgung stattfinden muss. Sie erhält eine homöopathische Arznei. drei Tage später sind die Nachtwachen begeistert. Die Nächte sind wieder „trocken“ und die Bewohnerin unauffällig.

Meine in 15 Jahren gesammelte Erfahrung zeigt, dass die klassische Homöopathie eine ganzheitliche Heilmethode von der Wiege bis zur Bahre ist. In den 200 Jahren ihres Bestehens hat sie den Menschen Heilung gebracht und in schweren Krankheiten und im Alter palliativ geholfen. Die milde Macht der Kügelchen ist groß!