James Tyler Kent: vom Allopathen zum Homöopathen

von HP Nathalie Baranauskas

James Tyler Kent (1849-1916) studierte Medizin am Eclectic Medical Institut, Cincinnati (Ohio), legte dort im Jahr 1871 sein Examen ab und arbeitete zunächst als praktischer Arzt in St. Louis (Missouri). Mit 26 Jahren heiratete Kent seine erste Frau, eine junge amerikanische Baptistin.
Schon bald zeichnete er sich durch wissenschaftliche Beiträge in medizinischen Zeitschriften aus. Mit 28 Jahren wurde er Anatomieprofessor am „American College“ in St. Louis. Zu dieser Zeit hatte er von Homöopathie nur sehr oberflächliche Kenntnisse. 1877 jedoch erkrankte seine Frau lebensbedrohlich, sie litt an einem Zustand von Schwäche, hartnäckiger Schlaflosigkeit und Blutarmut, der sie monatelang ans Bett fesselte. Keiner der zu Rate gezogenen medizinischen Ärzte konnte helfen. Seine Frau bat ihn schließlich, nun doch den Rat eines homöopathischen Arztes einholen zu dürfen. Kent gab nach, denn man hatte bereits alles versucht und ihr Zustand wurde immer ernster. Kent selbst dachte nicht, dass in diesem schlimmen Zustand ausgerechnet die Homöopathie helfen sollte. Trotzdem wurde schließlich auf ihren Wunsch hin ein Homöopath hinzugezogen.
Er blieb über eine Stunde bei Kents kranker Frau, fragte sie nach ihrer Vorgeschichte, ihrem Gemütszustand, ihren Ängsten, Verlangen und Abneigungen gegenüber Nahrungsmitteln und etliches mehr. Nach einer anschließenden genauen Untersuchung verlangte der Homöopath schließlich ein Glas Wasser. Er schüttete einige winzige Kügelchen hinein und bat Kent, seiner Frau alle 2 Stunden einen kleinen Löffel dieser Lösung zu verabreichen. Kent dachte bei sich, dass es sich hier wohl um einen Schwindler handeln müsse und brachte ihn verärgert zur Tür. Zwei Gaben verabreichte er seiner Frau tatsächlich, vergaß dann aber aufgrund seiner Arbeit, ihr weitere Schlucke zu geben. Nach vier Stunden erst fiel ihm wieder ein, dass er nach seiner Frau schauen müsse und fand sie in einem tiefen und friedlichen Schlaf. Der alte Arzt kam täglich wieder, um nach ihr zu schauen, zusehends ging es ihr besser und nach einigen Wochen war sie genesen. Was bisher kein noch so bekannter Arzt zustande gebracht hatte, nämlich die Gesundheit seiner Ehefrau wieder herzustellen, das hatte dieser homöopathische Therapeut erreicht, dazu noch auf sanfte und dauerhafte Art und Weise.

Kent war beeindruckt. Er begann daraufhin ein autodidaktisches Studium der Homöopathie. 1879 gab er seinen Lehrstuhl am American College auf und widmete sich ausschließlich dem Studium der Homöopathie. 1889 wurde ihm am Missouri Homoepathic College das Diplom für seine Kenntnisse in der Homöopathie verliehen. Er gab seine Anatomieprofessur ganz auf und wurde einer der größten Verfechter der Homöopathie. Einige Jahre nach dem Tod des homöopathischen Arztes Adolph Lippe führte Kent dessen Praxis in Philadelphia fort und übernahm bis 1899 als Dekan und Professor für Materia medica die Leitung der Fortbildungskurse für homöopathische Ärzte an der Postgraduate School of Homeopathics in Philadelphia. Diese Schule galt damals als die renommierteste homöopathische Schule weltweit.
In diesen Jahren starb Kents erste Frau. Er studierte die Werke Swedenborgs und schloss sich dessen theosophischer Bewegung an. Hierdurch gewann er neue Einsichten über Krankheit und Heilung, die ihn veranlassten, eine neue lehr- und praktizierbare Methode des Symptomenstudiums und der Similefindung in der Homöopathie zu erarbeiten. Zur Zeit Kents gab es kein Symptomenverzeichnis, das dem Stand der Homöopathie seiner Zeit entsprochen hätte. Kents umfangreiches Repertorium, sowie seine Materia Medicae gehören heute noch zur Standardliteratur eines Homöopathen.