Nebenwirkung: Fehlanzeige

Verwirrende Informationen auf den Beipackzetteln homöopathischer Medikamente / von Dr. med. Sybille Freund
Wir beschäftigen uns in diesem Newsletter u.a. mit der Behandlung von Kindern. Gerade bei Kindern verlaufen homöopathische Behandlungen häufig sehr erfolgreich, so dass diese Behandlungsform weiterhin deutlich auf dem Vormarsch ist. Was den Therapeuten allerdings immer wieder mal Probleme bei der Behandlung macht, sind nicht die Patienten und auch nicht die Krankheiten, sondern die Beipackzettel. Aus diesem Grund möchte ich mich heute dazu äußern.
Früher gab es überhaupt keine Beipackzettel zu homöopathischen Arzneien. Das war eigentlich gar nicht so dumm, weil man sich entweder auskannte und wusste, wie man damit umgeht oder man verstand nichts von der Materie und vertraute sich seinem Therapeuten an. Heute stehen in den Beipackzetteln sehr viele Informationen, die für den Patienten sehr verwirrend sein können und leider immer wieder zu Problemen führen.

Beispiel:
Lycopodium D12 von Hersteller XYZ, dort steht:
„Bei akuten Beschwerden sollten Sie stündlich 5-10 Streukügelchen (höchstens 12 mal täglich) bis zum Eintritt der Besserung nehmen. Zur nachfolgenden Behandlung oder in chronischen Fällen sollten 1-3 mal täglich 5-10 Streukügelchen eingenommen werden. Säuglinge bis zum 1. Lebensjahr sollten, nach Rücksprache mit dem Arzt, ein Drittel der Erwachsenendosis erhalten. Kleinkinder bis zum 6. Lebensjahr sollten die Hälfte, Kinder zwischen dem 6. und 12. Lebensjahr zwei Drittel der Erwachsenendosis erhalten."

Diese Angaben zur Dosierung sind fragwürdig. Als Therapeut, der sich mit dem Organon (Hahnemanns Werk, in dem er die homöopathische Therapie detailliert erläutert) beschäftigt hat, fragt man sich, weshalb man diesen Dosierungsvorschlägen folgen soll, die nicht im Organon beschrieben sind. Gerade die periodische Wiederholung „trockener Gaben“ ( im Gegensatz zur Wasserglasmethode) hat Hahnemann abgelehnt. Auch woher die Angaben über die Mengen der Streukügelchen und die max. 12-malige Dosierung kommen, ist nicht klar. Richtig schwierig wird die Aussage:“... oder in chronischen Fällen sollten 1-3 mal täglich 5-10 Streukügelchen eingenommen werden“. Dies kann beim einen oder anderen Patienten zu einer sogenannten Arzneimittelprüfung führen. D.h. der Patient entwickelt durch die homöopathische Arznei Symptome, die er vorher nicht hatte (mehr zur Arzneimittelprüfung finden Sie im Newsletter 14 vom September 2007)
Auch die Dosierungsangaben für Kinder und Kleinkinder sind in dieser strikten, nicht individualisierten Form, nicht unbedingt nachvollziehbar. Hahnemann schrieb, man solle immer die kleinst mögliche Dosis einsetzen. Das kann bei einem Säugling ein Globulus sein. 3 Globuli könnten unter Umständen schon zuviel sein. Das hängt sehr von der Empfindlichkeit des Patienten ab.

Große Probleme macht uns auch dieser Satz in einigen Beipackzetteln homöopathischer Arzneien: „Zur Anwendung dieses Arzneimittels bei Kindern liegen keine ausreichend dokumentierten Erfahrungen vor. Es soll deshalb bei Kindern unter 12 Jahren nicht angewendet werden.“
Wenn durch die Einnahme großer Mengen des Präparats Vergiftungen drohen, ist eine solche Formulierung verständlich. Ist das allerdings nicht der Fall, verunsichert sie nur. So steht der Satz etwa bei der Arznei Kalium bromatum der Firma ZYX in der Potenz LM 6. Hier findet man keine Moleküle der Ursubstanz im Tropffläschchen. Diese Arznei kann nicht vergiften. Und auch der beigefügte Satz „...in der Schwangerschaft und Stillzeit nur nach Rücksprache mit dem Arzt“ verunsichert nur, da aus toxikologischer Sicht kein Schaden angerichtet werden kann.

Besteht wirklich eine Gefahr, dann steht in den Beipackzetteln die Formulierung:“...darf nicht angewendet werden“. Das ist ein deutlicher Satz, der vor Vergiftungen schützen soll. Sobald aber drinsteht „soll“, kann man davon ausgehen, dass die Studienlage nicht ausreicht, um ganz klar sagen zu können: „ist ungefährlich“. Für die meisten homöopathischen Präparate könnte man wahrscheinlich die Unbedenklichkeit nachweisen, wenn man das Geld und die Zeit für Studien hätte.

Wie man sieht, verpasst uns der Gesetzgeber hier einige Denksportaufgaben. Die Gabenlehre ist ein sehr großes Gebiet, an dem Homöopathiestudenten lange Zeit zu knabbern haben, bis sie sich annähernd sicher fühlen. Und selbst dann kann es noch zu Diskussionen unter Therapeuten kommen, wenn man für einen Patienten eine passende Dosierung finden möchte.
Das heißt für unsere Patienten: wenden Sie sich an Ihren Therapeuten. Er kann Ihnen am ehesten die in Ihrem Fall passende Dosierung nennen.