Minuten, Stunden, Tage...

Praxiserfahrungen zur Reaktionszeit / von Dr. med. Sybille Freund

Auf die Frage „wie lange dauert es, bis eine homöopathische Arznei wirkt?“, möchte ich mit Erfahrungen aus meiner Praxis antworten.
Zu Beginn meiner Ausbildung lernte ich die Daumenregel, dass eine Krankheit so lange in Monaten zum Verschwinden benötige, wie sie in Jahren bestand. Demnach braucht eine Erkrankung, die 6 Jahre besteht, etwa 6 Monate zur Heilung.
Mittlerweile muss ich sagen: fast alles ist möglich.
Ich schreibe dazu ein paar Fallbeispiele in Kurzform auf:
• Meine Tochter hatte Schnupfen, die Nase war komplett zu, sie hatte Angst vor einer Nacht reiner Mundatmung. Zusammen gingen wir an meinen Arzneischrank, ich gab ihr zwei Globuli eines Mittels, im Rausgehen aus dem Zimmer sagte sie etwas und man hörte beim Sprechen, wie die Nase frei wurde. Die Nacht verlief ruhig, in Nasenatmung, es ging ihr auch sonst schnell wieder gut. Reaktionszeit: Sekunden.
• Eine Patientin rief mich mit starken neuralgischen Schmerzen an, die seit Jahren immer wieder auftraten. Sie hatte schon mehrere schulmedizinische Medikamente genommen, die jetzt nicht mehr halfen (der Placeboeffekt konnte also somit auch ausgeschlossen werden, denn an Schulmedizin glaubt man meist eher als an Homöopathie). Ich verordnete eine homöopathische Arznei. 5 Minuten später klingelte das Telefon: „Keine Beschwerden mehr.“ Ich: “Placeboeffekt, rufen Sie morgen wieder an.“ Anruf am nächsten Tag: “Keine Schmerzen mehr!“ Die Schmerzfreiheit hielt an. Reaktionszeit: Minuten.
• Eine Patientin mit Blasenentzündung rief mich an, sie uriniere pures Blut. Ich sagte ihr, sie solle die Arznei XYZ nehmen und mich in 11/2 Stunden anrufen. Wenn es bis dahin nicht besser gewesen wäre, hätte ich ein Antibiotikum verordnet, da sie vorher schon mehrere Tage an der Blasenentzündung gelitten hatte. Nach 11/2 Stunden: kein Anruf. Ich wartete und rief dann selbst an. Die Patientin hatte Besuch gehabt und war gerade erst kurz vor meinem Anruf zur Toilette gegangen. Seit Einnahme des Mittels hatte sie keinen Harndrang mehr gehabt, vorher musste sie alle 5 Minuten zur Toilette. Der Besuch hatte sie dann auch so abgelenkt, dass sie an den Rückruf nicht mehr gedacht hatte und der Urin sei übrigens in Ordnung, keine Schmerzen mehr. Reaktionszeit auch hier: Minuten.

Diese Beispiele sind sicherlich "highlights", aber ich könnte noch von weiteren berichten. Die Kehrseite der Medaille ist folgende:
Jeder Therapeut kennt die Patienten, bei denen kaum Erfolge zu sehen sind. Der Patient leidet, der Therapeut leidet mit, denkt, arbeitet, gibt mit Verstand gesuchte Arzneien, aber es passiert nichts. Manchmal passiert in der Tat nichts, häufiger allerdings passieren Dinge, die wir nicht wahrnehmen. Eine schöne Geschichte dazu war folgende:
Eine Patientin kam mit Wechseljahrsbeschwerden. Ihre gesamte Familie war schon bei mir, sie wusste also, wie es lief. Wir machten eine Anamnese, sechs Wochen später rief sie an und fragte:“Sagen Sie mal Frau Doktor, was soll denn das Mittel eigentlich bewirken?!“ Es hätte sich nichts verändert. Also gingen wir die Symptome durch: „Kopfschmerzen?““ Hm....ja die sind weg, aber das liegt wohl daran, dass ich weniger Stress habe...“ „Hitzewallungen?“ „ach ja, die auch nicht mehr“ „Zittrigkeit?“ „weg“ „Augenjucken?“ „weg!“ und so weiter. Am Ende sagte sie dann: „Da hab ich wohl ein Eigentor geschossen?!“ und wir mussten beide ziemlich lachen. Reaktionszeit: unklar, weil die Patientin die Reaktion nicht sofort bemerkte.
Diese Patientin zeigte ein Problem, das häufiger auftritt: Beschwerden, die weg sind, bemerkt man nicht mehr. Daran sieht man, dass man die Wirkung und somit auch die Wirkungszeit von homöopathischen Arzneien nicht immer deutlich einschätzen kann. Selbst im Nachhinein nicht.

Es kann aber auch passieren, dass man eine Arznei gibt, von der man überzeugt ist, aber ganz lange passiert nichts. Da kann dann evt. erst eine Potenzänderung oder die Zwischengabe einer anderen Arznei „den Fall knacken.“ Hierzu ein Beispiel:
Ein Kind mit behinderter Nasenatmung (die Nase war immer „zu“) war für mich ein klarer Fall für die Arznei XYZ. Ich gab sie als Q-Potenz über mehrere Monate. Nichts passierte. Nach einem Jahr mit ein paar Zwischengaben anderer Arzneien war auch ich fast mürbe (ebenso wie Mutter und Kind) und gab eine sehr hohe Potenz dieser Arznei, XYZ, weil ich mir sicher war, dass sie passt. Am Abend nach dieser hohen Gabe bekam das Kind eine Mittelohrentzündung mit Fieber. Fieber hatte es seit Jahren nicht gehabt und ich hatte die Mutter vor einer möglichen starken Reaktion gewarnt. (Solche Reaktionen können bei Hochpotenzgaben durchaus auftreten, weshalb man sie vermeiden sollte und sie auf keinen Fall von Laien eingesetzt werden sollten.) Die Mittelohrkrise wurde gut überstanden und das Kind entwickelte sich recht gut. Es bekam danach noch eine Folgearznei, die XYZ sehr ähnlich ist, bisher aber auch nie sichtbar gewirkt hatte. Von da entwickelte es sich sehr gut, war so zufrieden wie noch nie und atmete auch wunderbar durch die Nase. Wie es aussah, hat XYZ doch schon im Inneren Wirkung gezeigt oder die Zeit war nötig, bis ich mich als Therapeutin dazu durchgerungen hatte die Hochpotenz zu geben, die dann den Verlauf änderte. Was auch immer dazu geführt hat, dass die Geschichte so lange gedauert hat, es lag nicht daran, dass die Homöopathie nicht gewirkt hätte! Die Mutter und ich mussten einfach „an dem Fall arbeiten“ und ich möchte mich hier auch für Ihre Geduld bedanken!

An diesen Fällen sieht man, dass jeder Mensch ganz individuell reagiert. Manchmal geht es schnell, manchmal braucht man Zeit, eventuell sogar viel Zeit und Geduld. Deshalb: Wir Therapeuten können Ihnen eine Einschätzung geben, wie lange die Therapie aber wirklich dauern wird, hängt von so vielen Faktoren ab, dass man sichere Prognosen nicht stellen kann.