Darf's a bisserl mehr sein?

Über die schwierige Zeckenprophylaxe / von Stephan Csernalabics
Einige Stücke des großen medizinisch-lukrativen Kuchens finden regelmäßig den Weg in die großen Medien und verbreiten Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Das Thema Zeckenbisse – Erkrankungsfolgen und vor allem Prophylaxe ist wohl einer der schmackhaftesten Happen. Wie so häufig macht die um sich greifende Angst ein Erkrankungsthema zum gefundenen Fressen all jener, die ein großes Geschäft wittern. Nun aber mal ganz schnell weg von den schwammigen Beute- und Gaumenplatitüden hin zu harten (teils aber geschmacklosen) Fakten.
Bei in Deutschland jährlich etwa 500 Neuerkrankungen an FSME wundert es schon ein wenig, dass die geschätzten 60.000–150.000 Borreliose-Neuerkrankungen bei der Prophylaxe keine Rolle spielen. Es geht doch meist um die FSME Impfung, wenn uns Patienten auf die Zecken ansprechen. Ganz einfach darum, weil das Impfthema in den Medien auch den Löwenanteil ausmacht.
Nun könnte man meinen, dass dies auch daran liege, dass bei der Borreliose einfach keine Prophylaxe existiere – weit gefehlt. Die wirksamste Borrelioseprophylaxe ist eine mechanische – und sie ist direkt bei der Zeckenentfernung anzuwenden.
Inzwischen ist wissenschaftlich geklärt, dass FSME-Viren in den Speicheldrüsen der Zecken existieren, und Borrelien sich bevorzugt im Verdauungsbereich der Zecken aufhalten. Ebenfalls bekannt ist, dass die Formel gilt: je länger die Zecke am Wirt saugt, desto wahrscheinlicher ist eine Übertragung der Borrelien (FSME auch – aber diese Erreger werden oft schon mit dem Biss an sich übertragen). Im Klartext: wenige Minuten nach dem Biss ist die Übertragungswahrscheinlichkeit minimal und steigt von Stunde zu Stunde. Sie erreicht nach einem Tag schon einen ordentlichen 2-stelligen Prozentsatz, aber – und jetzt wird’s richtig wichtig – Borrelien werden übertragen, wenn man Zecken bei der Entfernung quetscht (z.B. mit der Zeckenzange) in nahezu jedem Fall – logisch, oder nicht? Die einzig sinnige Schlussfolgerung ist: Zecken sollten bei der Entfernung nach Möglichkeit nicht mehr berührt werden! Einfach um jedes mögliche Quetschen zu vermeiden. So gibt es neue Untersuchungen die belegen, dass schonende Zeckenentfernungen mit dem Skalpell (ohne Berührung der Zecke) 415 von 500 Borrelieninfektionen vermeiden!

Und so geht`s (bitte beachten Sie die hygienischen Regeln, auf die ich jetzt nicht eingehe): Mit einem sterlilen Skalpell (oder einer Kanüle) 0,5 mm vor der Zecke etwa 1mm tief in die Haut gehen und die Zecke heraushebeln bzw. „zum loslassen zwingen“. In der Regel ist dies eine sekundenschnelle Maßnahme.
Im Prinzip verbietet der gesunde Menschenverstand, weiterhin an Entfernungsmethoden wie Zeckenzangen, das Herausdrehen der Zecken in eine bestimmte Richtung (wegen angeblicher Gewinde im Saugrüssel – wie originell), die Beträufelung der Zecken mit Uhu oder Öl (die zu einer Art Erbrechen der Zecke führt), Scheckkarten oder ähnliches zu denken.
In den letzten 10 Jahren verfolgte ich in den Medien den Zeckenalarm, doch über diese sinnvolle Art der Zeckenentfernung sah und hörte ich nichts.

Seit etwa 20 Jahren kennt man diese hochwirksame Borrelioseprophylaxe, die lediglich einen einzigen Nachteil hat – und jetzt wird’s unappetitlich (sorry - ich kanns einfach nicht lassen) – sie spült kein Geld in die Kassen, ja sie vernichtet Geld geradezu. Denn rechnet man mit jährlich etwa 100.000 vermiedenen Borreliose infektionen (30 % gehen in chronische Verläufe über), hätte man zwar viel Leid erspart, aber auch viel Geld verloren – denn die Behandlungskosten sind ja nicht gerade niedrig. Gibt es etwa Menschen, die in diesen Dimensionen denken? Wenn ich Seminare zu diesem Thema gebe, berichten mir die teilnehmenden Ärzte, dass die Zeckenzangen Bestandteil der Geschenke und Zuwendungen bestimmter Firmen seien. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt...

Neben Zeckenabwehrsprays, herkömmlichen Impfungen, homöopathischen Impfungen (!?) und homöopathischen Zeckenprophylaxen vor dem Zeckenbiß (Vorsicht: Erst mal die homöopathische Theorie zur Verstimmung der Lebenskraft studieren und dann überlegen, ob das wirklich funktionieren kann; homöopathische Mitteleinnahmen nach dem Zeckenbiß sind im homöopathischen Sinne keine Prophylaxe, da ja die Lebenskraft schon in der Inkubationszeit verstimmt ist, deshalb klammere ich diese von den Prophylaxen hier aus) gibt es also diese mechanische, gänzlich unhomöopathische Prophylaxe, die für den einen reicht...für andere darf`s eben a bisserl mehr sein!


HP Stephan Csernalabics ist Homöopath in Waldbronn und Mitglied in der DGMH