Das ist echt mein Typ!

Die Bedeutung der Konstitution in der Homöopathie / von Dr. med. Sybille Freund
„Ich bin ganz deutlich Calcium carbonicum!“, sagte neulich jemand zu mir. Diejenige Person meinte damit, dass ihre Konstitution dem Mittelbild von Calcium carbonicum entspräche (siehe Newsletter 14, „Arzneimittelprüfung“). Aber was ist das? Was überhaupt soll der Begriff Konstitution bedeuten?
Der Begriff Konstitution kommt von dem lateinischen Wort constitutio und bedeutet „Zusammensetzung“, „Anordnung“. Laut Roche Lexikon Medizin ist die Konstitution:“ die anlagebedingte individuelle Ganzheit (das Erscheinungs-, Funktions-, Leistungsgefüge) des einzelnen Menschen.“
Die ersten bekannten Personen, die den Begriff der Konstitution verwendeten, waren Hippokrates (Arzt, 460 v. Chr.) und Galen (Arzt, 2. Jahrhundert). Bekannt geworden ist der Begriff der Konstitution auch durch Ernst Kretschmers Unterscheidung von Leptosom (schlank), Pykniker (breit) und Athletiker (grob und muskulär). In die Homöopathie führte von Grauvogl den Begriff des Konstitutionstypen ein. Er nannte folgende Typen:
• Hydrogenoide Konstitution - wasserreiches Gewebe; feuchtes Wetter oder Wasser/Wasserkuren löst Verschlechterung aus
• Karbonitrogene Konstitution - Verschlackung, Darmgase, Venosität, Exantheme, verminderte Ausscheidung von Stickstoff und Kohlenstoff; Verbesserung durch frische Luft, Wasser
• Oxygenoide Konstitution - erhöhte Oxidationsfähigkeit, Stickstoff und Kohlenstoff werden zu stark ausgeschieden, erhöhte Verbrennung, Mangel an Eiweiß und Fett, Anämie.

Der Begriff der Konstitution ist schon sehr alt. Für den Homöopathen sollte er bei der Mittelfindung hilfreich sein. So beobachteten Therapeuten immer wieder, dass bestimmte Arzneien bei bestimmten „Typen“ (bestimmten Konstitutionen) besonders gut halfen. Sie schrieben sie auf:
z.B.: Calcium carbonicum: blond, dick, schlaff (usw:)
Hat man einen Menschen vor sich, der dieses Erscheinungsbild zeigt, denkt man gleich: „Ah! Calcium carbonicum!“ Dieser Weg kann richtig sein, man kann aber auch ganz falsch liegen. Richtig kann er sein, wenn der Patient weitere Calcium-carbonicum-Symptome zeigt. Falsch kann er sein, wenn dies nicht der Fall ist. Was haben wir also gewonnen? Nicht viel: Zeigt der „Calcium-Typ“ Calcium-Symptome, werden wir bei der Mittelwahl bestätigt. Das aber ist alles.
Ändern wird sich die Konstitution durch Calcium nicht, auch wenn das Mittel passt. Die derzeitigen und möglicherweise auch die chronischen Beschwerden werden sich bessern, der Patient bleibt aber blond, dick und schlaff. Hat Calcium-c. bei ihm ausgewirkt, wird er ein anderes Mittel brauchen. Bei einem Infekt braucht er möglicherweise wieder ein anderes Mittel, weil er spezielle Symptome zeigt usw.
Die Konstitution kann also wegweisend sein. Welchem Dunkelhäutigen oder Dunkelhaarigen könnte man allerdings Calcium carbonicum verordnen, wenn man nur an die Konstitution denken würde? Bei diesen Patienten kann Calcium-carbonicum durchaus das Heilmittel sein, obwohl die Konstitution scheinbar nicht passt. Fazit: Streichen Sie den Satz „Ich bin ganz klar (Mittel)!“ aus Ihrem Vokabular und lassen Sie Ihren Therapeuten ein Mittel für sich suchen, dass zu Ihrer derzeitigen Situation, zum erblichen Hintergrund und zu Ihrer Krankheitsgeschichte passt!