Zwei Paar Schuhe

Homöopathie vom Christentum aus betrachtet / von Markus Frieauff
Christlicher Glaube und Homöopathie - geht das zusammen? In dieser Sorge stecken zwei grundlegende Denkfehler. Den einen - nämlich dass Homöopathische eine Weltanschauung sei - widerlegt Dr. med. Sybille Freund in ihrem Artikel. Seine Wurzel liegt sicherlich in der esoterischen Verpackung, die der Homöopathie bei vielen Heilpraktikern verpasst wird (vielleicht sollte das den Homöopathen zum Anlass gereichen, mal stärker über ihre Außenwirkung und ihr Image nachzudenken...).
Der zweite und wohl noch grundlegendere Denkfehler aber liegt auf der Seite des christlichen Glaubens - oder genauer: des oberflächlichen Verständnisses biblischer Texte. In besonderer Weise bringt eine Bewegung diesen Denkfehler zum Ausdruck, die gegenwärtig immer wieder für Medienwirbel sorgt: die Kreationisten. Diese christliche Bewegung polemisiert gegen die Darwin‘sche Evolutionslehre, weil sie angeblich der Bibel widerspreche. Mit Schlagworten wie „Schöpfung statt Evolution“ soll der Glauben gegen die Schulmeinung in Stellung gebracht werden. Jüngster Gipfel der Anstrengungen: bei Heidelberg wollen Kreationisten einen Freizeitpark namens „Genesis-Land“ aufbauen, in dem unter anderem ein Modell der Arche Noah zu sehen sein soll.
Hinter all diesen Ideen steckt der Glaube, dass die biblischen Texte wörtlich zu nehmen seien. Wenn da von Schöpfung in sechs Tagen die Rede ist (kein Druckfehler - der siebte Tag war Gottes Ruhetag), dann, so meinen die Kreationisten, muss das auch von der Wissenschaft so bestätigt werden, will sie nicht mit dem Christentum über Kreuz liegen.
Und was ist mit den vielen wissenschaftlichen Unmöglichkeiten, die von den Texten ungerührt als wahr geschildert werden - mit Sintflut, Meeresteilung und Wandeln auf dem Wasser? Alles Lug und Trug - oder grenzenlose Naivität?
Keins von beidem - die Fragestellung geht am Charakter der biblischen Texte vorbei. Sie sind weder verbalinspiriert (d.h. dass sie Wort für Wort durch göttliche Inspiration diktiert worden und daher unfehlbar wären) noch haben sie wissenschaftlichen Charakter. Sie sind Glaubenstexte und bringen die Erfahrung des glaubenden Menschen zur Sprache. Und sie bedienen sich dabei der wissenschaftlichen Lehrmeinung, die zur Zeit der Verfasser „common sense“ war, um sie aus der religiösen Grunderfahrung zu interpretieren.
Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür bietet die Sintflut-Geschichte. Im Buch Genesis (1. Buch Mose) heißt es, dass dass bei Einsetzen der Sintflut „Wasser aus allen Kanälen des Himmels auf die Erde strömte“. Im hebräischen Urtext steht hier das Wort rakija. Es wird von Luther mit „die Feste des Himmels“ übersetzt - eine hervorragende Veranschaulichung, denn wörtlich bedeutet es „das Gehämmerte“. Der biblische Schöpfungsbericht greift das altorientalische Weltbild auf, das die Erde als eine Scheibe betrachtet, über die wie eine Käseglocke das Himmelszelt gespannt ist, die rakija. Außerhalb dieser gehämmerten Schale vermutete man Chaoswasser - wenn es regnet, muss die gehämmerte Schutzschale Löcher haben. So versuchte man seinerzeit, das Phänomen des Regens zu erklären. Die Autoren des Alten Testaments greifen diese wissenschaftliche Theorie auf und verleihen ihr eine religiöse Bedeutung, die ihre Glaubenserfahrung ausdrückt: wir sind umgeben von Chaos; wenn wir von diesem Chaos verschont und vor ihm geschützt leben können, liegt das an der Liebe Gottes zu uns. Er schützt uns mit der rakjia. Und wenn er böse ist auf die Menschheit, dann macht er in die rakija viele kleine Löcher - und dann bricht das Chaos über uns herein. Das ist die Aussage der Sintflut-Geschichte: wir leben unter Gottes Schutz.
Weil die Pointe in dieser religiösen Aussage liegt, trifft es die Texte nicht wirklich, wenn sich zeigt, dass die Theorie der Erde als Scheibe und des Himmels als Zelt nicht haltbar ist. Es ändert nichts an der Grunderfahrung der Menschen. Deswegen können Christen heute noch voller Faszination die biblischen Texte lesen und auf sich wirken lassen. „Sinnentnehmendes Lesen“ nannte das mein Alttestamentsprofessor gern. Und genau darum geht es: die wahre Aussageabsicht der Autoren nachempfinden, anstatt oberflächlich den Wortlaut gegen die Wissenschaft zu positionieren.
Übertragen auf die Schöpfungsgeschichte heißt das: mag sein, dass die Lebewesen sich durch allmähliche Weiterentwicklung, genetische Veränderungen und das Überleben der Tüchtigsten vom Einzeller zum Säugetier entwickelt haben. Trotzdem stimmt für Christen die Grunderfahrung, die die Autoren der Schöpfungsberichte ausdrücken wollen: das Entstehen des Lebens ist Ergebnis göttlichen Wirkens und Planens, es ist kein Zufall, sondern eine von geheimer Kraft vorangetriebene Entwicklung. Die Evolution wird das nicht bestätigen, kann es aber auch nicht widerlegen - weil Wissenschaft und Glaube nicht auf der gleichen Erkenntnisebene liegen.

Die Bibel ist nicht verheiratet mit irgendeinem wissenschaftlichen Weltbild. Sie bestreitet keine wissenschaftliche Theorie und spricht keine andere heilig. Sie interessiert sich nicht einmal besonders für Wissenschaft - sie verwendet allenfalls wissenschaftliche Aussagen oder beleuchtet sie religiös.
Deswegen können Christen ganz gelassen die Debatte der wissenschaftlichen Lehrmeinungen verfolgen. Die Homöopathie stellt allenfalls für Schulmediziner ein gedankliches Problem dar, die den Körper wie ein Uhrwerk betrachten, in dem man nach Belieben Teile austauschen oder reparieren könne. Und auch das ist ein wissenschaftliches, kein religiöses Thema.

Wie aber im „Genesis-Land“ die Sache mit der Teilung des Roten Meeres durch Mose umgesetzt wird, dürfte spannend werden...


Markus Frieauff hat evangelische Theologie studiert, arbeitet heute als Kommunikationsberater und Grafiker und ist Mitglied im Vorstand der DGMH